Zahnlose Seekuh hat Geschwister
Fragmente des prähistorischen Meeressäugers befinden sich in vier Museen
Bericht der NW Bünde vom 21.6.2008 von Eckhard Möller und Thorsten Gödecker
Alt wurde sie nicht und dann hat man ihrem Skelett auch noch die Zähne genommen. Die Beißer der Bünder Seekuh liegen im Geologischen Museum in Münster, ist sich Michael Strauß sicher. Dass ihre versteinerten Überreste noch weiter zerstreut sein könnten, ist dem Museumsleiter neu.
Doch der Osnabrücker Vorzeitforscher Cajus Diedrich behaupet in einem Beitrag für die Fachzeitschrift „Senckenbergiana maritima“ genau das. Rippenstücke der knapp 30 Millionen Jahre alten Seekuh befänden sich im Stadtmuseum Menden und im Geologischen Zentrum der Universität Göttingen. Erst 2007 habe man sie dort wieder entdeckt.
Während Diedrich einen Fossilientausch hinter der Teilwanderung der Seekuh vermutet, hält es Strauß für wahrscheinlich, dass Fragmente in den 1960er Jahren zur Bestimmung des Meeressäugers nach Münster gekommen und nie zurückgeben worden seien. „Das macht Sinn, denn in Bünde hat man nie die fachwissenschaftliche Kompetenz aufweisen können, um der Bedeutung der Seekuh für die Forschung gerecht werden zu können“, erklärt Strauß die Abwesenheit des Gebisses. Die Zähne gehörten in Münster längst zum Inventar, sagt Strauß und Kunstoff ersetzt im Untergeschoss des Dobergmuseums die fehlenden Teile der Seekuh.
„Ich habe die Rückgabe der Zähne nie beantragt, weil es ein sehr schwieriges Verfahren ist und wir uns gerade in jüngster Zeit nicht sicher sein konnten, ob es in Bünde überhaupt noch einen Platz für das berühmte Fossil aus dem Doberg geben wird.“ Für Strauß zählt, dass die Wissenschaft weiß, wo sich die zur Bestimmung so wichtigen Zähne und die anderen Seekuhfragemente befinden. „Museen sind in erster Linie Forschungseinrichtungen und erst dann Ausstellungen.“ Glücklich ist er aber nicht, dass Bündes schwimmenden Ureinwohner seine letzte Ruhe verteilt auf vier Museen gefunden habe.
Auf dem Foto links (von Patrick Menzel) inspiziert Ulrich Franzrahe den Zahnwalschädel, den ersten spektakulären Fund aus dem Doberg. Teile dieses Fossils werden in Berlin vermutet.
Gelassen reagiert der Museumsleiter auf Diedrichs Hinweise, dass mittlerweile zwei weitere Exemplare der Doberg-Seekuh in Deutschland gefunden worden seien. Bei Schauenburg-Hoof in der Nähe von Kassel sei ein Skelett ausgegraben worden, das im Naturkundemuseum Ottoneum in Kassel aufbewahrt werde. Und es existiere eine Rippe einer solchen Seekuh aus der Leipziger Bucht, die aus einer Braunkohlegrube stamme.
„Das ändert nichts an der Tatsache, dass der Holotypus mit dem wissenschaftlichen Namen ,Anomotherium langewieschei‘ in Bünde aus dem Mergel gegraben wurde“, so Strauß. Der Holotypus ist jenes Exemplar, das zuerst beschrieben wurde.
(Neue Westfälische Bünder Tageblatt, Samstag 21. Juni 2008)
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